Was gilt, was Entwurf ist — und was Sie wirklich betrifft
Wir ordnen den Schweizer und den relevanten deutschen Rahmen sachlich ein. Ohne Dramatisierung, ohne überzogene Fristen. Der Stand bezieht sich auf Juli 2026, ergänzt im Oktober 2026.
Der Schweizer Rahmen seit 2025
Zwei Erlasse bestimmen die Richtung: das Klima- und Innovationsgesetz mit seiner Verordnung und das revidierte CO2-Gesetz für 2025–2030.
Klima- und Innovationsgesetz (KlG) & Klimaschutz-Verordnung (KlV)
Das KlG ist seit dem 1. Januar 2025 in Kraft. Es verankert das Ziel Netto-Null-Treibhausgase bis 2050 verbindlich im Schweizer Recht und setzt auf Förderung statt Verbote. Um Fördermittel zu beziehen, müssen Unternehmen einen Dekarbonisierungsfahrplan mit CO2-Bilanz, Reduktionsziel und Absenkpfad vorlegen.
Revidiertes CO2-Gesetz (2025–2030)
Die CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe bleibt bei CHF 120 pro Tonne CO2. Unternehmen können sich unter Auflagen von der Abgabe befreien lassen, wenn sie sich zu Reduktionszielen verpflichten und einen Dekarbonisierungsplan einreichen. Abgabebefreite Betriebe sind von der regulären Rückverteilung ausgeschlossen — eine Doppelbegünstigung ist nicht vorgesehen.
Ehrlich eingeordnet: Welcher Weg — Befreiung über einen Absenkpfad oder reguläre Rückverteilung — für Ihren Betrieb finanziell günstiger ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Es hängt von Ihrem Brennstoffverbrauch und Ihrer Lohnsumme ab. Wir rechnen beide Wege durch, bevor Sie sich festlegen.
Rückverteilung der CO2-Abgabe (ALV1)
Nicht befreite Betriebe zahlen die CO2-Abgabe über ihre Brennstoffe und erhalten dafür einen Teil zurück. Seit 2025 wird der an die Wirtschaft zurückfliessende Anteil nicht mehr über die AHV-, sondern über die ALV1-Lohnsumme verteilt (massgebende Löhne bis zum gesetzlichen Höchstbetrag). Die Auszahlung erfolgt automatisch über Ihre AHV-Ausgleichskasse — Sie müssen dafür kein Gesuch stellen.
Wichtig für die Entscheidung: Wer sich über einen Absenkpfad von der Abgabe befreien lässt, ist neu von dieser Rückverteilung ausgeschlossen. Ob sich die Befreiung oder die reguläre Rückverteilung mehr lohnt, hängt von Ihrem Brennstoffverbrauch und Ihrer Lohnsumme ab — das rechnen wir für Sie durch. (Die Rückverteilung für 2025 wurde auf 2026 verschoben.)
Förderung: ITINERO
ITINERO ist ein gemeinsames Programm von BAFU und BFE zur Dekarbonisierung der Industrie. Für neuartige Technologien und Prozesse stehen bis 2030 insgesamt bis zu CHF 1.2 Milliarden bereit; gefördert werden bis zu 50 % der anrechenbaren Kosten. Voraussetzung ist ein Netto-Null-Absenkpfad. Daneben fördert der Bund über zehn Jahre den Ersatz fossiler Heizungen mit jährlich rund CHF 200 Millionen.
Förderlandschaften ändern sich. Wir prüfen im Einzelfall, welches Programm zu Ihrem Vorhaben passt und welche Fristen gelten — statt mit festen Zahlen zu werben, die morgen überholt sein können.
Klimaberichterstattung grosser Unternehmen
Seit dem 1. Januar 2024 gilt die Verordnung über die Berichterstattung über Klimabelange. Sie betrifft bestimmte grosse Unternehmen, nicht KMU. Eine geplante Überarbeitung hat der Bundesrat im Juni 2025 pausiert, bis über die Anpassung der Nachhaltigkeitsberichterstattung im Obligationenrecht entschieden ist, spätestens bis zum 1. Januar 2027. Für KMU entsteht daraus keine neue Pflicht.
Banken: FINMA-Rundschreiben zu Naturrisiken
Seit dem 1. Januar 2026 gilt das FINMA-Rundschreiben 2026/1 „Naturbezogene Finanzrisiken" für Banken und Versicherer; kleinere Institute haben für die klimabezogenen Anforderungen bis zum 1. Januar 2027 Zeit. Die Institute müssen Klima- und weitere Naturrisiken in ihrem Risikomanagement berücksichtigen. Für KMU als Kreditkunden entsteht daraus keine direkte Pflicht; Fragen zu Energieverbrauch und Emissionen im Kreditgespräch sind aber möglich.
VS (bisher VSME) — der schlanke Standard für KMU
Der Standard wurde von der EFRAG als VSME entwickelt und von der EU-Kommission am 30. Juli 2025 zur freiwilligen Nutzung empfohlen. Seit dem 24. September 2026 gilt er in überarbeiteter Form als Delegierte Verordnung (EU) 2026/1560 und heisst VS (Voluntary Standard). Er bleibt freiwillig und gibt KMU ein einheitliches Instrument, um ESG-Anfragen von Banken und grösseren Kunden zu beantworten — mit einem Dokument statt vieler Fragebögen.
- Basismodul: elf Offenlegungsbereiche zu Umwelt, Belegschaft und Unternehmensführung — siehe ESG für KMU.
- Optionales, umfangreicheres Modul für tiefergehende Angaben.
- Bewusst schlank — ohne aufwendige Wesentlichkeitsanalyse.
- Neu: Berichtspflichtige EU-Unternehmen dürfen von Zulieferern mit bis zu 1000 Beschäftigten nur noch bestimmte Angaben verlangen (für Geschäftsjahre ab 2027) — siehe Was EU-Kunden ab 2027 verlangen dürfen.
Zur CO2-Bilanz selbst nutzen wir das GHG Protocol als anerkannten Standard. Beides greift ineinander: die Bilanz liefert die Zahlen, der VS-Bericht bringt sie in eine kommunizierbare Form.
Warum der Druck oft aus dem Ausland kommt
Viele Schweizer KMU aus der verarbeitenden Industrie exportieren nach Deutschland und in die EU. Dort gelten Sorgfalts- und Berichtspflichten, die zwar grosse Unternehmen adressieren, aber über die Lieferkette auf Zulieferer durchschlagen.
Deutsches Lieferkettengesetz (LkSG)
Das LkSG gilt für Unternehmen mit mindestens 1'000 Beschäftigten in Deutschland. Es verpflichtet sie, menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken in ihren Lieferketten zu erfassen und zu mindern. KMU sind nicht direkt erfasst, geraten aber als Zulieferer indirekt in die Pflicht, Daten zu liefern.
Aktueller Stand: Die jährliche Berichtspflicht gegenüber der Aufsichtsbehörde wurde im Herbst 2025 ausgesetzt; ein Gesetzesentwurf sieht ihre Streichung vor. Der Druck auf Zulieferer, belastbare Daten zu liefern, bleibt davon unberührt — er entsteht vertraglich über die Kundenbeziehung, nicht nur über das Gesetz.
EU-Ebene: CSRD und CSDDD
Auf EU-Ebene regeln die CSRD (Berichterstattung) und die CSDDD (Sorgfaltspflichten) diese Fragen. Mit dem Omnibus-Paket (Richtlinie (EU) 2026/470) wurden beide deutlich eingeschränkt: Nach der CSRD berichten müssen nur noch Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz. Die CSDDD erfasst Unternehmen mit mehr als 5000 Beschäftigten und mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz; die Mitgliedstaaten müssen sie bis zum 26. Juli 2028 umsetzen und ab dem 26. Juli 2029 anwenden. Der Effekt für KMU läuft weiterhin über die Lieferkette.
EU-Grenzausgleich für CO2 (CBAM)
Seit dem 1. Januar 2026 ist der CBAM in seiner definitiven Phase. EU-Importeure von Zement, Eisen und Stahl, Aluminium, Düngemitteln, Wasserstoff und Strom müssen für die in den Waren enthaltenen Emissionen Zertifikate erwerben, bei den meisten dieser Waren ab einer Menge von 50 Tonnen pro Jahr. Waren mit Schweizer Ursprung sind ausgenommen, weil die Emissionshandelssysteme der Schweiz und der EU verknüpft sind.
Massgeblich ist der Ursprung nach den Regeln der EU. Wer für Lieferungen in die EU Vormaterial aus anderen Ländern verarbeitet, sollte Warennummer und Ursprung mit einer Zollfachperson prüfen. Die Pflichten liegen beim EU-Importeur; Schweizer Lieferanten können aber nach Ursprungs- und Emissionsangaben gefragt werden. Zur ersten Orientierung dient unser kostenloser CBAM-Kurzcheck für Metallbetriebe (PDF, 2 Seiten); die CBAM-Frage ist auch Teil des Anfrage-Checks. Weitere Informationen bietet das SECO.
Schweiz: Bundesgesetz über nachhaltige Unternehmensführung (NUFG)
Der Bundesrat hat einen indirekten Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungs-Initiative erarbeitet. Das NUFG orientiert sich am EU-Rahmen und soll KMU entlasten.
Das NUFG ist noch kein geltendes Recht. Die Vernehmlassung wurde im April 2026 eröffnet; Inhalt und Fristen können sich ändern. Eine eigene Schweizer „Datenobergrenze" gibt es deshalb noch nicht. Die EU-Obergrenze für Datenanfragen gilt nur gegenüber berichtspflichtigen EU-Kunden (siehe Datenanfragen ab 2027). Wir verfolgen den Prozess und informieren, sobald Verbindliches vorliegt.
Was das praktisch für Sie heisst
Kurz zusammengefasst, ohne die üblichen Dringlichkeits-Parolen:
- Eine direkte gesetzliche Berichtspflicht besteht für die meisten KMU heute nicht.
- Der reale Anlass kommt meist von Kunden, Banken oder Fördervorhaben — nicht vom Gesetz allein.
- Wer eine saubere CO2-Bilanz und einen VS-Bericht hat, ist auf beide Fälle vorbereitet und kann Anfragen ruhig beantworten.
- Für Kundenanfragen gibt es zwei kostenlose Arbeitshilfen: den Anfrage-Check und ein Datenblatt nach der neuen EU-Obergrenze — zu den Downloads.
- Für Abgabenbefreiung und Förderung ist ein Absenkpfad die Voraussetzung — er lohnt sich aber nur mit konkretem Ziel.
Unsicher, was davon auf Sie zutrifft?
Wir sagen Ihnen ehrlich, ob und wann das Thema für Ihren Betrieb relevant wird.
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